OSTERN

 

DURCH DEMUT DAS WAHRE LEBEN LERNEN

In einem Handbuch für das Leben im Kloster handelt ein ganzes Kapitel über die Demut. Demut ist natürlich ein Wort, das wir - wie Keuschheit und Gehorsam - aus unserem Sprachgebrauch gestrichen haben. Aber in diesem über 1400 Jahre alten Ratgeber wird die Demut beschrieben als eine innere Haltung gegen das Vergessen und für eine Liebe ohne Furcht.

Demut hilft zu erinnern, dass das Wesentliche in unserem Leben ein Geschenk ist. Der Stolz hingegen will uns einreden, dass wir selber unser Leben machen, es in allen Belangen auf uns ankommt und wir nur durch unsere eigene Leistung etwas sind oder werden. Die Demut aber lässt uns mit der schlichten Bescheidenheit des einfachen Herzens auf die Voraussetzungen schauen ohne die wir nichts vermögen: Geburt und Familie, Begabungen und Begeisterungen, Gesundheit und Energie, Erziehung und Bildung, die vielen seelischen Kräfte wie Liebe, Vertrauen, Gedächtnis und Urteilskraft. Alles das ist uns geschenkt worden. Wer demütig ist, der vergisst nicht, dass er Geschöpf des Schöpfers ist. Die Demut will uns also nicht klein und wertlos machen, sondern auf unser Geschaffen-Sein und unser Bezogen-Sein auf Gott aufmerksam machen. Das Beste an und in uns haben wir durch ihn empfangen. Wenn wir uns durch die Demut daran erinnern, dann müssen wie auch in dieser Welt mehr geben als nehmen, mehr herschenken als an uns reißen, mehr Gnade walten lassen als unser Recht durchsetzen. Der Stolz verführt uns zum Egoismus. Die Demut lehrt uns Bescheidenheit, Güte und Mitgefühl. Erst dadurch wird der Mensch groß, wahr und schön. Die Welt braucht demütige Menschen, die ihren wahren Wert erkennen und gerade so den Wert des anderen neidlos anerkennen. Andernfalls erhält der Kreislauf des Besser- Sein-Wollens als die anderen sein teuflisches Tempo unter der das Leben leidet und am Ende jeder verliert.

Diese fatale Dynamik des Stolzes hat seine Ursachen in der Anbetung der eigenen Meinung und das Voranstellen der eigenen Bedürfnisse. So entsteht eine Diktatur des Scheins, der Gefühle und emotionalen Wirkungen, die nur der Hochmut hervorbringt. Wir wollen vor allem gut dastehen und vor den anderen glänzen. Nur keine Schwäche zu lassen, keine persönliche Schuld eingestehen, die eigenen Abgründe verbergen und notfalls die öffentliche Meinung manipulieren. Die Demut hingegen liebt die Wahrheit. Sie fragt, was nun wirklich ist und bemüht sich um ein ausgewogenen Gesamtbild, in dem natürlich verschiedenen Bedürfnisse und Anschauungen ihren Platz haben, aber eben nicht ausschließlich den Maßstab der Wahrnehmung bilden. Die Wahrnehmung der Demut ist die Wahrheit Gottes, die nur erkennt, wer sich um sie bemüht und ihr Raum gibt. Wer die Wahrheit Gottes kennt, der erkennt als erstes die Liebe, die Gott ist. Darum besteht die Demut auch in der Liebe, die sich in einer Welt des Scheins und der Meinungen nicht fürchtet, weil sie die Wahrheit erkennt, weil die das falsche Spiel der Meinungsmache und der Erzeugten von Gefühlsstimmungen durchschaut. Die Leidensgeschichte Jesus, beginnend mit der Fusswaschung bis zu seinem Tod am Kreuz, legt uns seine Demut aus. Er kann sich zu den schmutzigen Füssen seiner Freunde beugen und die Last des Kreuzes tragen, weil er sich als Sohn des Vaters im Himmel als von Gott geschaffen und gehalten weiß. So überwindet er den Tod und bricht zum ewigen Leben durch. Er entlarvt das Geschrei der Menge, das falsche Urteil seiner Gegner und jede geheuchelte Anteilnahme, weil er die Wahrheit kennt, ihr treu bleibt und in der Liebe furchtlos gegen jeder Manipulation der Lüge und des Hasses seinen Kreuzweg geht in den Ostermorgen hinein. In der Corona-Krise des Jahres 2020 wollen wir diese Demut des Herrn neuer erlernen. Wir sind dankbar für das Geschenk des Lebens und für die großen Gaben, die wir immer von Gott erwarten dürfen. Vieles können wir in diesen Tage nicht tun und erleben. Um so mehr schätzen wir das Beste im Leben, das uns ausmacht und uns nicht genommen werden kann. Und wir wollen uns fest vornehmen immer der Wahrheit den Vorzug zu geben, die in der Liebe besteht, die Gott uns in seinen Sohn offenbart hat und die uns furchtlos macht in einer Zeit, in der Angst und Panik die Oberhand zu gewinnen scheinen. Der Auferstandene Herr möge uns durch seine Demut den Weg weisen, die sich in der Dankbarkeit des Beschenkt-Seins und in der furchtlosen Liebe ausdrückt.

Gottfried Grengel
Pfarrprovisor in St. Koloman, Bad Vigaun, Adnet und Krispl